Die Verlegerin

Die Verlegerin

von Lena Lieblich aus dem Jahre 1989

Es war schon 0:30 Uhr als ich vom Verlag nach Hause fuhr. Manchmal wird es einfach so spät. Wie immer bei der Heimfahrt spreche ich dann mit meinem geistigen Begleiter und frage verschie-dene Dinge, die ich im Laufe des Tages nicht für mich beantworten konnte oder wollte. So begann auch der heutige Dialog:
„Hallo mein Freund, soll ich das Buch verlegen?“

„Nein.“

Ich dachte, dass ich durch den Verkehr etwas abgelenkt war (ich war das einzige Auto) und wiederholte meine Frage, in Wirklichkeit war ich mit der Antwort nicht zufrieden.
„Ich habe gefragt, ob ich das Buch verlegen soll?“
„Nein.“
„Wirklich nein?“
„Ja, wirklich nein.“

„Aber es ist doch erhebend.“
„Ja.“
„Und ich soll es nicht verlegen?“
„Nein.“
„Aber wenn es doch erhebend ist, wäre es doch gut, dass es unter die Leute kommt?“ Das Buch wurde von einem ausländischen Autor geschrieben, in dessen Heimatland es sehr gut ankam und schon meh-rere Auflagen erleben durfte. In deutscher Sprache gab es bisher nur ein vervielfältigtes Manuskript, das auch schon angeblich über 800 Leser gefunden hat. Dieses hatte ich durchgelesen und es war Anlass meiner Fragerei.
Es kam keine Antwort, sondern eine Frage: „Wie oft kommt das Wort GOTT in diesem Buch vor?“ „Gar nicht“, antwortete ich ehrlich. „Und wie oft kommt das Wort Christus in diesem Buch vor?“ „Kein einziges Mal“, musste ich zugeben.
Wieder kam eine Frage: „Warum willst du Bücher verlegen, die nicht mit einem einzigen Wort deinen Lebensinhalt erwähnen?“
„Weil es erhebend ist“, war meine schnelle Antwort.
Wie schon so oft, wenn ich etwas nicht auf Anhieb begreifen kann, wurde ich mitgenommen in eine andere Welt. Ich erlebte dann eine Geschichte, die nach meinem Empfinden vielleicht drei Stunden ge-dauert hat, in der realen Welt bin ich aber höchstens drei Ampeln weitergekommen. Auch meine Ankunftszeit zuhause und damit die Fahrtzeit für 14,7 km wichen nicht von anderen Tagen ab.
Doch erst einmal die Geschichte:
Ich war ein kleines Mädchen, das vergnügt durch einen dunklen Wald lief und schließlich zu einem Bach kam. An der Stelle, wo ich das Ufer erreichte, war die Strömung sehr stark. Ein fast abgerissener Zweig hing ins Wasser und die Strömung zerrte daran. Jeden Augen-blick konnte der Zweig den Halt verlieren und in dem wirbelnden Wasser in die Tiefe gezogen werden.
Ein interessantes Spiel für mich, wann löst sich der Zweig und wird von der Strömung mitgerissen? Eine Zeitlang malte ich mir aus, wel-chen Weg der Zweig nimmt, wird er sofort in die Tiefe gezogen? Schwimmt er an der Oberfläche weiter? Dreht er sich vielleicht in einer Wiederkehr ständig um die eigene Achse?
Dieses Sinnen wurde unterbrochen, als ich einen Marienkäfer auf einem Blatt an diesem Zweig erblickte. Mir war sofort klar, der wird ertrinken, wenn ich ihn nicht rette. Sofort fasste ich den Zweig und zog ihn so weit zu mir, dass meine andere Hand bis zu dem Blatt reichte. Mein Zeigefinger, zum Blatt ausgestreckt, lud den Marienkä-fer förmlich ein, zu mir herüber zu klettern.
Er tat es. Die sechs kleinen Käferbeine hinterlassen auf dem Finger ein eigenartiges Gefühl, auf der einen Seite will ich ihn schnell ab-schütteln, auf der anderen Seite will ich seine Nähe genießen und ihn weiter beobachten. Ich hielt den Finger senkrecht in die Höhe und brav, wie alle Marienkäfer es tun, krabbelte auch dieser nach oben. An der Fingerkuppe angekommen, öffnete er seine Flügel und flog weg.
An dieser Stelle endet die Geschichte und mein Begleiter fragt: „Ist diese Geschichte erhebend?“
„Ja“, sage ich spontan und vor meinem geistigen Auge laufen tau-sende von Bildern ab, die der Geschichte eine geistige, eine spirituel-le, eine esoterische, eine psychologische sowie eine erzieherische Interpretation geben. Die Geschichte ist schön, so beschließe ich, jeder der sie liest, kann was für sich rausholen.
Mein Begleiter hat mir noch nie etwas ausreden bzw. einreden wollen oder gar eine Belehrung wie „mach es so oder so“ gegeben. Das wäre einfach und ich hätte mir das schon öfters gewünscht. Er stellt einfach immer wieder nur Fragen.
Dieses Mal lautete seine Frage: „Würdest du die Geschichte auch so erzählen?“
Sofort sagte ich: „NEIN, die Geschichte ist ja nicht rund, sie hat kein Ende, keinen Anschluss, lädt nicht zum Grübeln im eigenen Leben ein und vor allen Dingen, sie bietet keinen Anschluss zu dir mein Freund, keinen Anschluss zu unserem Papa (Aba).“
Wieder kam nur eine Frage:
„Wie würdest du die Geschichte erzählen?“
Sofort war mir klar, was in meiner Geschichte anders wäre; ich er-zähle sie einfach mal, okay?
Bei mir ist es nicht ein kleines Mädchen, das die Geschichte erlebt, sondern ein älterer Mensch (ich erwähne hier einen alten Yogi, der immer noch auf der Suche ist). Dieser alte Yogi versucht schon sein Leben lang die Gegenwart Gottes zu erspüren, hat es aber bisher nicht geschafft. Dieser Alte schleicht durch den Wald und bittet jeden Baum „erzähl mir von Gott“, jeden Farn, jedes Reh und jedes Insekt „erzähl mir von Gott“. Seine Erfahrung war, dass die Natur nicht mit Worten spricht, sondern es direkt zeigt. So kam er mit der Zeit den Schamanen immer näher, die mit der Auslegung ihrer Beobachtungen Gott ergründen wollten. Auf seinem Wege traf er natürlich auch auf den Bach und den Zweig, der jeden Augenblick fortgespült werden konnte. Nur der Alte sah die Situation vollkommen anders. Der Ma-rienkäfer war er, kein Zweifel, der fast abgerissene Zweig sein bisheriges Leben, das seine Verbindung zum Baum verloren hatte. Und nun drohte das Wasser auch noch diesen kleinen Zweig mit sich fortzureißen, was sollte da noch Sicherheit, was sollte da noch Hof-fung geben?
Der Marienkäfer krabbelte rum, als würde er davon nichts ahnen. Ging es ihm nicht genau so, wenn er in Gesellschaft war? Da spürte er es nicht so, aber alleine in der Stille. Ja er kannte das Gefühl, dass sich bald alles auflöst, alles in die Tiefe gezogen wird, oder auch einfach an der Oberfläche weit weggetragen wird – wohin weiß keiner.
Als alter schamanisch angehauchter Yogi wusste er, hier wird mir die Antwort von der Natur präsentiert. Er spannte alle Sinne an und beobachtete aufmerksam: Was wird der Marienkäfer machen? Was wird er machen?
Die Strömung zerrte lange an dem Zweig und er war froh darüber.
Der Marienkäfer lief das Zweiglein entlang, Blatt rauf, dann Blatt runter das Zweiglein entlang und wieder das nächste Blatt nach oben, bis zur Spitze des Blattes. Was wird nun geschehen, dachte der Alte? Doch der Marienkäfer wendete und nahm denselben Weg nach der anderen Seite. Rauf, runter, ruhiges geradeaus, dann wieder rauf auf’s nächste Blatt und wieder runter.
Der Alte verstand den Marienkäfer sehr gut, doch was sollte nun geschehen?
Seine Aufmerksamkeit steigerte sich noch mehr, fühlte er sich doch nun schon mit dem Marienkäfer verbunden, er schien durch seine Aktionen sein Leben widerzuspiegeln.
Er war ganz gefangen in seiner Beobachtung und in seinen Gedan-ken als plötzlich die Strömung den Zweig vom Ufer losriss und mit sich forttrug.
Wie in Trance schnellte der Arm des Alten vor, seine Hand erfasste den Zweig und zog ihn ans rettende Ufer. Er hielt den Zeigefinger dem Marienkäfer entgegen und dieser nahm die Einladung an und krabbelte mit seinen sechs Beinchen den Finger entlang. Wie aus Kindertagen hielt er den Finger in die Luft und der Käfer strebte nach oben. An der Fingerkuppe angekommen hielt er kurz inne, stellte die Hinterflügel auf und rieb die vorher verborgenen feinen Flügel an seinen Beinen, dann hob er die äußeren Flügelschalen ganz hoch und breitete die feinen Flügel aus. Er war bereit, jeden Augenblick ganz abzubrummen.
Dem Alten lief es in diesem Augenblick eiskalt, dann brühwarm den Rücken runter. Genau das war es. Er verschmolz mit Christus und erkannte, wie oft er schon Hilfe bekommen hatte.
Jedes Mal hatte er sich erholt, seine Flügel ausgefahren und war weggeflogen. Weiter zum nächsten Zweig, der auch irgendwann einmal wieder brechen musste, wieder ins Wasser fiel und er aber-mals gerettet wurde. Nie hatte er sich Gedanken gemacht, wer ihn gerettet hat, es war einfach selbstverständlich. Nun in Gedanken schrie er fast zum Marienkäfer, flieg bitte nicht weg, schau mich an, gib mir die Ehre.
Als ob der Marienkäfer seine Gedanken hören könnte, hielt er inne, legte seine feinen Flügel wieder zusammen und verbarg sie unter den harten, bepunkteten Schalen seiner roten Deckflügel. Seine sechs kleinen schwarzen Beinchen bewegten sich und drehten den Körper des Käfers mit dem Kopf zu ihm.
Die Blicke begegneten sich und die Zeit blieb stehen. Der Käfer er-kannte, dass er der Alte ist, der Alte erkannte, dass Christus in ihm lebt und Christus freute sich, eins zu sein.
Diese Einheit griff schnell auf beide über… Christus, der Alte, der Käfer, der Bach, der Wald, alles war eins, ohne Zeit, ohne Raum, einfach nur eins.
Während des Erzählens war ich immer mehr mit der Geschichte, mit meiner Geschichte verschmolzen, ich war im Einssein. Leise meldete sich die Stimme: „Erkennst du nun den Unterschied zwischen erhebend und dem, was du tragen kannst und willst, was rund ist, wie du es nennst?“
Ich nickte, immer noch erfüllt.
Die Stimme sagte weiter zu mir: „Du hast in deinen Schubladen mehr als tausend solcher Geschichten, stimmt es?“ Ich nickte, immer noch erfüllt.
„Warum willst du deine täglichen 24 Stunden dazu verwenden, um erhebende Geschichten anderer zu verlegen und deine Geschichten, die auch immer von mir und Papa (Aba) erzählen, die willst du in den Schubladen versauern lassen?“
Ich erwiderte, ohne es in diesem Augenblick selbst zu glauben: „Du und Papa sind doch immer da, ihr seid doch auch in jedem Menschen. Warum soll ich über etwas schreiben, das sowieso jeder in sich hat? Ist es nicht so, dass eine Geschichte über den Kühlschrank langweilig ist, weil ja jeder selbst einen Kühlschrank hat? Ist eine Geschichte, die erahnen lässt, dass ein Kühlschrank Hilfe bringen könnte, nicht viel interessanter, erhebender?“
„Nein.“
Die Antwort war wieder klar, kurz und eindeutig.
„Nein“, hat er gesagt.
„Du musst unterscheiden zwischen dem, was man als allgemeingül-tig betrachtet und dem, was dir RUND erscheint. Nur wenn du au-thentische Geschichten akzeptierst und weitergibst, bist du mir nahe.
Kümmere dich nicht um die, die anders denken, denen bin ich auf eine andere Art nahe.
Kümmere dich nur um dich, dass dein Leben sich für DICH rund an-fühlt.
Kümmere dich darum, dass dein Leben sich für UNS rund anfühlt.
Wenn du das schaffst, sind wir eins – und ich und der Vater sind auch eins, wovon bist du dann noch getrennt?“
Ich weiß, es stimmt, trotzdem wage ich es noch nicht, meinen gan-zen inneren Reichtum zu offenbaren. Ja, ich habe Angst, Angst ir-gendwo auf ein Podest gehoben zu werden, von dem man mich eines Tages wieder runterholen muss, weil man erkennt, dass ich mich in nichts von allen anderen Menschen unterscheide. Ich gebe zu, ich habe Angst.
Ich will ein Mensch sein, der auch noch Fehler macht, ich habe auch noch meine Schattenseiten, ich bin kein Heiliger, ich bin kein Märtyrer. Ich bin einfach ich.
Wie oft schon war ich am Ende einer meiner Geschichten da an diesem Punkt. Bisher habe ich immer meine Flügel ausgebreitet und bin weggeflogen. Dieses Mal will ich es versuchen, ich will seinen Blick suchen, will mir selbst in die Augen schauen, will die Geschichte veröffentlichen, vielleicht morgen die Geschichten, die heute noch in den Schubläden liegen? Auch die Geschichten, die ich morgen, nächs-te Woche oder in einigen Jahren erzählt bekomme?
Ich mache einfach einen Anfang:
Es war einmal ein alter Weiser aus einem Dorf…

1 Kommentar

    • Peter am 25, Februar 2020 um 11:47

    Antworten

    Sehr schöne Geschichte. Hat mich tief berührt und nachdenklich gemacht, den das kenne ich sehr gut…

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