Liebchen und Lieber von Lena Lieblich

Liebchen und Lieber

von Lena Lieblich

An einem besonders kalten, dunklen und stürmischen Tag wurde ein kleines Mädchen geboren.
Als es die Augen das erste Mal aufschlug, leuchteten zwei wunderbare blaue Augensterne aus dem schönen, lächelnden Gesicht.
Die Menschen waren beeindruckt von diesem wunderbaren Kinde. Als sie in das kleine Bettchen zu dem Mädchen sprachen, fing es an, so fröhlich und vergnügt zu lachen, so herzhaft, dass alle Anwesenden gar nicht anders konnten, als einfach mitzulachen. Erst bemerkte es keiner, dass mit dem Lachen des Kindes auch die dunklen Wolken verschwanden, sich der Wind legte und die Sonne durchs Fenster blitzte, gerade so, als wollten sie schauen, wer denn da so lacht. Mit der Zeit bemerkten es aber alle, immer wenn das Mädchen anfing zu lachen, wurde es heller und wärmer. Sie nannten das Mädchen fortan Liebchen.
Das Mädchen wuchs heran und hatte alles lieb, die Blumen, die Tiere und auch alle Menschen. Auch zu denen, die am Rande der Gesellschaft standen, hatte es viel Liebe über. Oft ging sie zu den Bettlern, nahm einen an die Hand und schaute ihm in die Augen. Dabei lachte es so lieb und schön, dass der Bettler ein paar Stunden ganz verzückt aus seinen Augen strahlte und vollkommen vergaß zu betteln.
Leider gefiel das den anderen Kindern nicht so gut. Sie moppten es und wollten Liebchen nicht mitspielen lassen. Eines Tages kam ein fremder Junge in die Stadt, der gerne allen Menschen und Tieren half. Auch er wurde nicht von den anderen Kindern aufgenommen und durfte nicht mitspielen.
Als Liebchen dem Jungen einmal begegnete, sah sie, wie er gerade einer alten Frau über die Straße half. Als er fertig war und weitergehen wollte, rief sie ihm zu, dass er warten sollte. Als sie bei ihm war, schaute sie in seine schönen Augen und fragte: „Wie heißt du?“ – „Wo ich herkomme, nennen sie mich Lieber.“ antwortete der Junge. Liebchen forschte weiter: „Woher kommst du? Warum bist du fortgegangen? Was empfindest du, wenn, du etwas Gutes tust?“ Lieber erzählte, dass er nicht mit den anderen Kindern spielen konnte, weil sie ihn ausgrenzten und für einen Streber hielten. Liebchen schaute ihn mit einem solch verständigen und liebevollen Blick an, dass es ihm den Mut gab, weiter zu erzählen.
Als er den ganzen Nachmittag erzählt hatte und es Zeit zum Heimgehen war, bat Liebchen ihn, morgen doch weiterzuerzählen. Sie hörte so gerne von seinen guten Taten und wie wohl und edel er sich dabei fühlte. Liebchen war verzückt von diesen Geschichten und spürte auch diese Freude in sich, von der der Junge sprach. Wenn sie jemand beobachtete, wie sie so beieinander saßen und sich anschauten, dann konnte man sehen, dass ihre Augen richtig leuchteten. „Ist das die Liebe?“, überlegte sich eine alte Frau und dachte an ihren Liebsten, der schon lange nicht mehr bei ihr weilte.

2 Kommentare

  1. Antworten

    Kurzgeschichten und die Philosophie gefallen mir schon immer. Bei dieser Geschichte muss ich an René Descartes denken, der in seiner Absicht, die Existenz Gottes zu beweisen, zu dem Schluss gekommen ist, dass in dem Augenblick, in dem wir über das Höchste nachdenken können, dieses auch geben muss, denn sonst könnten wir diesen Gedanken nicht fassen. Wenn ich diesen Schluss auf die Liebe übertragen darf, dann heißt es, wenn ich über die Liebe nachdenken und schreiben kann, dann muss es sie geben, ganz real und erreichbar. Ich stelle mir nun die leuchtenden Augen von Liebchen vor und sehe die Liebe daraus strömen. Schon fühle ich mich der Liebe ein kleines Stückchen näher.

    • Hildrun Aschenborn am 15, Juli 2019 um 19:17

    Antworten

    Diese Kurzgeschichte finde ich sehr gut passend und wichtig für die Heutige Zeit.Vielen Dank.
    Da ich selber mehr eine Traümerin bin, lebe ich eher im „unsichtbaren Königreich“, daß heutzutage auch mehr und mehr real wird durch die vielen Erkentnisse und Einsichten in die unsichtbare Welt (wie meine Erlebnisse mit dem Urteilchen Strahler)
    Es erinnert mich so an das Märchen von Richard von Volkmann-Leander
    „Vom unsichtbaren Königreich“
    ……..Da eine Prinzessin ohne Königreich ganz unmöglich ist, erbat sich Traumjörg zu seiner Braut auch noch ein Königreich.
    ,Sichtbare Königreiche, habe ich zwar nicht zu vergeben,“ sagte der Traum-König,“ aber unsichtbare“.
    Da fragte Traumjörg, wie es mit den unsichtbaren Königreichen beschaffen wäre und was es ihm nutzen könne,
    ,Du sonderbarer Mensch“, sagte der König, du und deine Prinzessin, ihr seht es schon…. und könnt machen was euch gefällt. Nur die anderen Leute sehen es nicht.“
    Diese Leute bemerkten nichts von dem unsichtbares Königreich, konnten nicht sehen, dass sich das Häuschen in ein großes, wundervolles Schloss verwandelt hatte und dass es eine Prinzessin war, die der Traumjörg heim geführt hatte. Aus diesem Grunde kümmerte er sich auch nicht um sie, sondern lebte in seinem Königreich mit seiner lieben Prinzessin herrlich und vergnügt. Und sie bekamen sechs Kinder, eins schöner als das andere. Das waren lauter Prinzen und Prinzessinnen. Niemand aber wußte es im Dorf, denn dort waren die Leute viel zu einfältig, um es zu sehen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.