Der Adler im Hühnerstall

Der Adler

Ein Landwirt bekam von einem Bergsteiger ein Ei geschenkt, das dieser aus einem Adlerhorst mitgenommen hatte. Der Bauer legte es einfach einer gerade brütenden Henne unter. Nach einiger Zeit schlüpfte der Adler und wuchs mit den Hühnern auf. Der Adler benahm sich wie die Hühner und pickte wie sie die Körner vom Boden.
Eines Tages besuchte ein guter Freund den Landwirt. Er staunte nicht wenig, als er den Adler auf dem Hühnerhof sah. „Das ist kein Adler mehr“, meinte der Bauer, „der ist zum Huhn geworden!“ Doch der Freund entgegnete: „Ein Adler bleibt ein Adler! Sieh die mächtigen Schwingen! Auch sein Herz fühlt ganz anders als ein Huhn!“ Doch der Landwirt blieb bei seiner Meinung: „Der Adler hat sogar das Fliegen verlernt!“ Der Freund wollte es auf einen Versuch ankommen lassen. Er hob den Adler vom Boden und schwang ihn mit einem kräftigen Wurf in die Luft. Aber der Adler setzte sich sofort wieder auf den Boden und pickte weiter. Dann der zweite Versuch: Der Freund trug ihn auf das Dach des Hühnerstalls und warf ihn hoch. Der Adler schlug jetzt zwar einige Male mit den Flügeln, als er aber unten die Hühner picken sah, gesellte er sich wieder zum Federvieh.
Doch der Tierkenner gab nicht auf. Er sagte: „Ein Adler bleibt sein Leben lang ein Adler!“ Er stieg mit ihm auf einen Berg hinter dem Bauernhof, in einer anderen Umgebung. Oben warf er den Adler wieder in die Lüfte und schrie ihm zu: „Los, mächtiger König der Vögel! Kehre in die Freiheit zurück!“ Vergebens, die Flügelschläge waren zu schwach, um ihn über den Erdboden zu heben. Enttäuscht dachte der Mann nach. Da sah er die Sonne am Himmel.
„Das ist es“, sagte er, nahm den Kopf des Adlers und lies ihn geradewegs in die Sonne blicken. Und plötzlich stieß der Adler einen Schrei aus, sein ganzer Körper zitterte und mit den mächtigen Schlägen seiner Schwingen hob er sich in die Lüfte – höher und höher – und kehrte nie wieder zurück.

Kommentar:
Kennen Sie das Gefühl, ganz am Grunde Ihrer Seele berührt worden zu sein? Mir ging es mit dieser Geschichte so. Wir sind alle Adler und geben uns Tag für Tag mit dem mühsamen Körnerpicken zufrieden. Wollen wir es ändern und auch ins Licht blicken, dass das Licht uns erfüllt und verändert?

2 Kommentare

    • Klaus am 22, Juni 2019 um 5:53

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    Sehr schön ❣️
    Wo und wie auch immer wir aufwachsen und leben … unsere wahre Natur – die „Sonne“ / Seele bringt und immer wieder zurück zu unserer wahren Betimmung!
    Diese Parabel zeigt aber auch: „Umgang formt (nicht nur) den Menschen“…
    Liebe Grüße ❣️

    • Regina Pfeifer am 20, Juli 2019 um 8:32

    Antworten

    Eine einfache Geschichte, die kurz und knackig das Wichtigste für jeden Mensch auf den Punkt bringt.
    Wir sind oft so sehr im Hamsterrad des Alltäglichen gefangen, dass wir uns kaum die Zeit nehmen, einfach mal Inne zu halten und ganz entspannt zum Licht aufzuschauen, das wirkt Wunder…
    Ich spreche aus eigener Erfahrung – diese kleine Geschichte hat mich mal wieder daran erinnert!!!
    Vielen Dank und ganz herzliche Grüße!

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